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Das Goldene Zeitalter am Borsigplatz

Freitagabend wurde am Borsigplatz das Goldene Zeitalter eingeläutet. Mit Pauken und Trompeten. Mit Trommeln und Hörnern. Mit Frack und Fackeln, mit Kind und Kegel, mit Tanz und Jubel. Mit Tränen. Mir kamen die Tränen, André kamen die Tränen, Angela kamen die Tränen. Wir waren nicht die einzigen. Kein Wunder: Es lag an der Musik, an Fabijan Selimovic und seiner neunköpfigen Balkan Brass Band Deutschland. An den wilden Rhythmen, die direkt in die Beine gingen.

Eine bewegende Aufbruchstimmung: Tonarten die Herzen öffneten, die für viele am Borsigplatz Melodien aus ihrer Heimat sind. Balkan Brass ist südosteuropäische Musikuntermalung wichtiger Lebensereignisse – die auch als Trubači-Musik oder Balkan-Gypsy-Root-Musik weltweite Bekanntheit erlangte. Sie enthält Elemente und Rhythmen, in denen sich Serben genauso wie Türken, Griechen genauso wie Rumänen, Albaner genauso wie Polen, Iraner und Bosnier heimatmelodisch wiederfinden. Und selbst, wenn man aus Mitteldeutschland stammt, kann man sich der Energie dieser Musik nicht entziehen.

Als gäbe der Himmel die Bühne frei, hörte der Dauerregen am Freitagnachmittag plötzlich auf. Im goldenen Schein unserer Fackeln zog die Balkan Brass Band Deutschland los, vom Borsigplatz zur Straße der realistischen Wunder, über die Morena-Straße, die Straße der verführerischen Erlebnisse direkt in die Goldenes-Zeitalter-Straße. Angelockt von der Musik kamen die Menschen an ihre Fenster, winkten zu uns hinunter, liefen in den Vorgarten, staunten, klatschten, filmten mit ihren Handys. Aus einer Kneipe, die sonst immer verschlossen erscheint, hüpften junge Männer vor die Tür: Sie trugen sich gegenseitig Huckepack und tanzten mit uns mit.

Wir hatten Halt gemacht, um eine weitere Straßenumbenennung (mehr dazu hier) feierlich einzuweihen: Aus der Flurstraße war an dieser Stelle die “Morena-Straße” geworden. Die Namenspatin selbst zerschnitt das goldene Band und eröffnete die neu benannte Straße hiermit offiziell. Ihre Mutter hatte ihre Chancen (was das ist? Mehr dazu hier) und die Chancen von Verwandten und Freunden investiert, um ihrer Tochter das nach ihr benannte Straßenschild zu schenken. Die Initiatoren der Straßenumbenennung sind Henrik Mayer und Martin Keil von der Reinigungsgesellschaft.  Die Idee ist toll, denn so wie viele der Menschen, die in den Straßen um den Borsigplatz leben, hängen gerade auch die Straßennamen alten Zeiten nach. Diese sind aber nicht mehr zurückzuholen. Anderen Menschen, die mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft ins Quartier zogen, sagen die Straßennamen hingegen nichts.

Angela Ljiljanic sind diese konträren Wünsche während ihrer “artist in residence”-Monate ständig begegnet: “Die einen verweisen stets auf die Vergangenheit, die anderen hoffen auf eine von außen kommende bessere Zukunft. Das paralysiert,” spürt die Künstlerin, “und so kommt es zwischen diesen Gezeiten kaum zu gemeinsamen und erlösenden Erlebnissen im Jetzt und Hier.” Angela hat mit Anwohnern rund um den Borsigplatz “das Borsigplatz Geschmacksarchiv” ins Leben gerufen. Dabei werden von den Anwohnern selbst angebaute Kräuter zu neuen Geschmacksmustern verarbeitet, die den Fragen nachgehen sollen: Wie und wonach schmeckt der Dortmunder Norden, in dem 132 verschiedene Nationalitäten beheimatet sind? Welche alternative Wertschöpfungsketten sind am Borsigplatz noch denkbar?

Bei den Feierlichkeiten zur ersten gemeinsamen Kostprobe zeigte sich wieder einmal, was im 18. Jahrhundert schon der Philosoph Jean-Jacques-Rousseau für bedeutsam hielt: Ein Fest stiftet intensiv erlebte Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Musik und Speisen, die alle ansprechen, helfen, zueinander zu finden, auch wenn man aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammt. Angela merkte, wie sehr die Quartiersbewohner die Feier genossen, dass sie dabei einen Idealzustand erlebten, nach dem sich alle immer gesehnt hatten. Als sie vorschlug, so eine Festivität in einem größeren Rahmen zu veranstalten, waren viele begeistert und unterstützten ihr Vorhaben mit den geldwerten Chancen. Mehr als dreitausend Euro kamen zusammen – genug, um Rousseaus Festintention gerecht zu werden: “Feste und Feiern sollen starke menschliche Gemütsbewegungen spiegeln, deren Wurzeln in jedermanns Herz liegen. Diese Wirkung muss immer eine emotionelle sein.”

Angela ging dafür auf die Suche nach dem passenden Ort, dem treffenden Wort und vor allem der perfekten Musik: “Ich suchte nach Klängen und einer Spielart, der sich niemand hier entziehen kann. Ich wollte mit diesen Kraftliedern aus verschiedenen Kulturen das Herz der Menschen ansprechen, ihr Temperament wachrufen und ihnen durch den Begleitrhythmus der Band eine Energieinfusion verpassen, die auch vor runtergelassenen Rollläden keinen Halt macht.”

Die in Deutschland aufgewachsene Montenegrinerin kennt “die sinnliche Sehnsucht nach den Elementen, die man aus der Heimat nicht mitnehmen kann”. Angelas Eltern stammen aus Montenegro. Sie selbst wuchs in Nordrheinwestfalen auf, spricht neben Deutsch auch fließend Serbisch. So konnte sie Fabijan Selimovic erklären, dass sie seine Band nicht für eine Hochzeitsfeier buchen wollte, sondern für ein Wanderkonzert durch ein von Vielfalt geprägtes Stadtviertel, welches seinen Rhythmus noch finden muss und Impulsgeber braucht, um sich einzustimmen. Dass es hier darum ging, das Gefühl für einen Neuanfang zu erzeugen, ein neues Straßenbild zu zeichnen und dieses glorreich einzuläuten. “Ich sagte ihm, dass ich das ohne die Magie eines so virtuosen Spiels wie das seiner Band nicht schaffen würde, die Menschen, die sich ins Private zurückgezogen haben, aus der Reserve zu locken.”

Normalerweise tritt die Balkan Brass Band Deutschland mit Größen ihres Genres auf, Marko Marković zum Beispiel. Und sie spielt zu Anlässen wie dem Trompetenfestival in Guča, einem der größten Volksmusikfestivals der Welt. Doch am Freitagabend kamen Fabijan Selimovic und seine Musiker aus verschiedenen Städten NRWs an den Borsigplatz, und das obwohl bei ihnen zuhause der Familienschutzheilige gefeiert wurde: Der 19.12. ist in der serbisch-orthodoxen Tradition dem heiligen Nikola gewidmet, und da geht man eigentlich nicht arbeiten, sondern feiert im Kreis der Familie. Ein Ausnahmekonzert also. Mit Liedern wie dem balkanumspannenden Roma-Volkslied „Ederlezi“, von dem es polnische, griechische, bulgarische, serbo-bulgarische, roma-serbo-bulgarische, türkische, serbokroatische und sogar italienische Versionen gibt. Spätestens durch den Film „Zeit der Zigeuner“ wurde „Ederlezi“ auch hierzulande bekannt. Oder das Lied „Mesecina“: „Es scheint der Vollmond, doch niemand weiß, was da wirklich scheint.“ Für dieses Lied nahm die Hälfte der Musiker ihr Instrument von den Lippen, um zu singen. So wunderschön und berührend wurde die Kirschblütenstraße eingeweiht. Ihre Neubenennung ist auch als Mahnung an die Stadtgärtner zu sehen, die zwei der ehemals acht Kirschbäume durch unsachgemäßen Beschnitt zerstört haben.

Andre Alleskoenner (ehem. Körnig) wohnt in dieser Straße. Er ist es, der zusammen mit Angela einem alten Ladenlokal zu neuem (Gold-) Glanz verholfen hat: Die Oesterholzstraße 103 war das Ziel der abendlichen Tournee. Musiker, Fackelträger und alle, die von der Musik mitgerissen wurden, erhielten hier Gold-Mix-Getränke. Denn auch dilettantin produktionsbüro aus Bremen kreuzte dieses Ereignis mit eigens für den Borsigplatz kreierten Getränkevariationen: erfrischende Drinks an der Goldbar: ‘heißes gold’ und ‘kaltes gold’ – herzerwärmende Speisen, goldiges Konfekt und goldbraunes Popcorn.

Die großzügigen Räumlichkeiten sollen fortan dem goldenen Zeitalter Tür und Tor öffnen. Die Miete wird vorerst aus Mitteln des Chancen-Projekts vom Verein Machbarschaft Borsig11 und der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft bestritten. „Ab jetzt ist der Idealzustand“, verkündete Angela, „die Blütezeit der Kultur am Borsigplatz hat begonnen. Wir warten auf nix mehr!“ Und auch wenn das einige der Feiernden sprachlich nicht verstanden – gefühlt hat es jeder, der da war.

Fast alle Fotos (bis auf die beiden untersten) sind von Alexander Hügel

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