{"id":50448,"date":"2013-01-21T19:48:05","date_gmt":"2013-01-21T18:48:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.borsig11.de\/wordpress\/?p=50448"},"modified":"2018-03-12T19:55:39","modified_gmt":"2018-03-12T18:55:39","slug":"zimmer-mit-schoenerer-aussicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.borsig11.de\/wordpress\/2013\/01\/zimmer-mit-schoenerer-aussicht\/","title":{"rendered":"Zimmer mit (sch\u00f6nerer) Aussicht"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-50450 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.borsig11.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Bildaufhaengung_.jpg\" alt=\"Bildaufh\u00e4ngung\" width=\"500\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.borsig11.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Bildaufhaengung_.jpg 500w, https:\/\/www.borsig11.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Bildaufhaengung_-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.borsig11.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Bildaufhaengung_-450x600.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/>Das war es, was Heidi Reinhold sich seit vielen Jahren w\u00fcnschte. \u201eSchon zu D-Mark-Zeiten h\u00e4tte ich diese triste Hauswand gegen\u00fcber von meinem Wohnzimmerfenster gern versch\u00f6nert\u201c, so die heute 83-J\u00e4hrige. 500 Mark wollte sie seinerzeit daf\u00fcr investieren. Damals geh\u00f6rte das H\u00e4user-Karree entlang der Dortmunder Schlosser-, D\u00fcrener und Dreherstra\u00dfe noch Wohnbau Westfalen. Frau Reinhold schlug ihre kreative Investition vor, aber irgendwie versandete sie in den M\u00fchlen der Verwaltung.<\/p>\n<p>Als das Ruhrgebiet 2010 zum Kulturhauptstadtjahr l\u00e4utete, zogen auf einen Schlag 30 neue Nachbarn ein. Sie waren Teilnehmer des Konzeptkunstwerks \u201e2-3 Stra\u00dfen\u201c von Jochen Gerz. Eine davon war Bettina Knierim: \u201eAngefangen hatte alles schon im Januar, als ich sozusagen kaum den ersten Fu\u00df in die Wohnungst\u00fcr gesetzt hatte.\u201c Die junge Frau lacht. \u201eMeine seinerzeit direkte Nachbarin ist mit Frau Reinhold befreundet und so lernte ich diese recht z\u00fcgig kennen. Und kaum sa\u00dfen wir f\u00fcr ein Nachbarspl\u00e4uschchen zusammen, erz\u00e4hlte sie mir von ihrem Traum, den sie schon sehr lange hatte, eben dem besagtem Bild \u2026\u201c<\/p>\n<p>Da Bettina Knierim ihrer Mutter den gleichen Wunsch erf\u00fcllt hatte und daher wusste, wie man ein Landschaftsmotiv auf eine Hauswand \u00fcbertr\u00e4gt, versprach sie Frau Reinhold, sich darum zu k\u00fcmmern und richtete eine Anfrage an Evonik. Sie schilderte, wie sie das Bild anfertigen w\u00fcrde und bat um eine Genehmigung. Ungl\u00fccklicherweise mahlten auch hier die Verwaltungsm\u00fchlen zu lange \u2026 Ende M\u00e4rz 2010 musste Bettina Knierim der Familie ihres Lebenspartners wegen nach Sardinien ziehen, und so blieb die Hauswand blank.<\/p>\n<p>Vorerst. Im obersten Stockwerk des gleichen Hauses, in dem Heidi Reinhold wohnt, lebten seit Januar auch Barbara und Peter Kr\u00fcger, ein Rentnerp\u00e4rchen aus G\u00fctersloh. Sie waren die \u00e4ltesten \u201e2-3 Stra\u00dfen\u201c-Teilnehmer und brachten so auch jede Menge beruflicher, sozialer und sogar k\u00fcnstlerischer Vorerfahrung mit. Peter Kr\u00fcger, von Berufs wegen eigentlich Werkzeugmacher und Betriebsratsvorsitzender bei Miele, malt \u201ehobbym\u00e4\u00dfig\u201c seit den 70ern, hat sich \u201ebei einem Galeristen Tricks beibringen lassen, viel mit Linolschnitt gearbeitet\u201c und \u00fcber die Jahre einen eigenen kubistisch gepr\u00e4gten Stil entwickelt.<\/p>\n<p>Es blieb nicht aus, dass Peter und Barbara im Innenhof die Bekanntschaft von Heidi machten. Das im Parterre gelegene Wohnzimmer der Rentnerin blickt n\u00e4mlich nicht nur zur Seitenwand des \u00fcber Eck angrenzenden Hauses, sondern flankiert davor einen asphaltierten Bereich, der mit Blumenp\u00f6tten und Gartenm\u00f6beln von den Anwohnern liebevoll zum Treffpunkt gestaltet wurde. Von ihrem Fenster aus kann Heidi direkt auf den mit einem Wachstuch gesch\u00fctzten Kaffeetisch hinunter gucken. Die Lage ist nat\u00fcrlich auch als Durchreiche f\u00fcr Trink- und Essbares pr\u00e4destiniert \u2013 ein vortrefflicher Aussichtspunkt allemal. Heidi Reinhold ist es daher auch zu verdanken, dass die M\u00fclltrennung in diesem Karree so gut wie sonst wohl nirgends am Borsigplatz funktioniert.<\/p>\n<p>Vom Kunst-Wunsch der alten Dame wusste Peter Kr\u00fcger schon durchs Fernsehen. F\u00fcr eine Sendung zur Kulturhauptstadt interviewt, hatte Frau Reinhold gleich die Gelegenheit genutzt, um ihre Idee von einem Wandbild \u00f6ffentlich zu machen: \u201eVielleicht das Bild einer Alten, die mit ihrer Katze am Fenster sitzt\u201c, schlug sie damals vor. \u2013 \u201eImmer, wenn wir im Hof geprokelt haben, kam sie darauf zu sprechen\u201c, erinnert sich Peter Kr\u00fcger lachend, und irgendwann hatte Heidi ihn so weit. \u201eIch mach was\u201c, sagte er. \u201eUnd kosten tut das nichts.\u201c<\/p>\n<p>Da auch andere Mieter direkt auf die besagte Wand gucken, schlug Peter vor, gemeinsam \u00fcber das Bildmotiv abzustimmen. Er sammelte an die 30 Vorlagen \u2013 von der Frau am Fenster bis zum Toskanabild \u2013 und lud im Juli 2010 zu Diaabend und Abstimmung in den Innenhof. Die kahle Wand entpuppte sich als gute Projektionsfl\u00e4che \u2026 Am Ende fiel das Los auf eine Gruppe gro\u00dfer bunter Fische, die dem Beton beinahe den Anblick eines Aquariums verliehen.<\/p>\n<p>Peter Kr\u00fcger zeigte das ausgew\u00e4hlte Motiv Wohnungseigner Evonik und schlug vor, nicht direkt das Mauerwerk zu bemalen, sondern vier Metalltafeln. Auf diese Weise k\u00f6nne die Illustration ebenerdig und auf glatter Fl\u00e4che erstellt, an der Wand montiert und bei Bedarf leicht entfernt werden. Durch seine fr\u00fchere Arbeit im Betriebsrat hatte Peter noch Kontakt zur Lehrwerkstatt von Thyssen Krupp. Auf ihrem Werksgel\u00e4nde am Ende der nahe gelegenen Oesterholzstra\u00dfe war vor Kurzem eine Mauer in dieser Weise umgestaltet worden. 13 verzinkte Stahlbleche hatten mehrere K\u00fcnstler beklebt, bemalt und angebracht. Von den Blechen waren noch einige \u00fcbrig. Michael Goralski, Leiter des Kruppschen Technikzentrum, sorgte daf\u00fcr, dass Peter die restlichen Platten geschenkt erhielt.<\/p>\n<p>Und so kamen die metallenen Malunterlagen erst einmal nach G\u00fctersloh, Heimatstadt des Ehepaars Kr\u00fcger. Inzwischen war n\u00e4mlich ein halbes Jahr ins Land gestrichen, 2010 war um, das Kulturhauptstadtjahr vorbei, und mit ihm \u201e2-3 Stra\u00dfen\u201c, bei dem Peter und Barbara Teilnehmer gewesen waren. Die geplante Machart des Wandbildes hatte Evonik zwischenzeitlich freigegeben, aber als Motiv bevorzugte der Vermieter etwas, das mehr Bez\u00fcge zum Quartier aufwies. Was lag da n\u00e4her als der Borsigplatz? Peter hatte den gro\u00dfteils von sch\u00f6nen Altbauten umstandenen Kreisverkehr w\u00e4hrend des vergangenen Jahres mehrmals auf Grafiken und Linolschnitte gebannt. Der Platz ist vor allem wegen des in unmittelbarer N\u00e4he gegr\u00fcndeten Fu\u00dfballvereins Borussia Dortmund ber\u00fchmt. Das Vereinsk\u00fcrzel BVB, eigentlich \u201eBallspielverein Borussia\u201c, wird hier gerne auch als \u201eBorussia vom Borsigplatz\u201c verstanden.<\/p>\n<p>Zuhause in seiner Werkstatt skizzierte Peter Kr\u00fcger den Borsigplatz zun\u00e4chst auf Papier. In den Mittelpunkt stellte er den der Jahrhundertwende entstammenden Altbau mit Glockenturm, die ehemalige Gastst\u00e4tte Concordia. Barbara Kr\u00fcger fungierte als \u201eFormenratgeberin\u201c. In ihrer Zusammenarbeit entstand eine stilisierte Version des Borsigplatz, die aus geometrischen Formen zusammengesetzt ist und ohne die trennenden Stra\u00dfen auskommt: Alle H\u00e4user schmiegen sich so fest sie k\u00f6nnen aneinander, \u00fcber ihnen der wieder blau gewordene Himmel, zu ihren F\u00fc\u00dfen die Farben des siebenfachen Deutschen Meisters: Gelb und Schwarz.<\/p>\n<p>Peter \u00fcbertrug alles mit einer Farbrolle auf die vier Stahlbleche, versiegelte das Bild mit Klarlack und brachte seine Einzelteile zur\u00fcck nach Dortmund. Ende September 2011 war es endlich soweit: Mit vereinten Kr\u00e4ften wurden die st\u00e4hlernen Bildwerke an der \u201etristen Hauswand\u201c gegen\u00fcber Heidi Reinholds Wohnzimmerfester aufgeh\u00e4ngt. Vier Mann halfen mit drei Leitern, Bohrmaschine und Schrauben, eine Halterung im Mauerwerk und daran die vier Platten zu befestigen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nicht nur die Nachbarn, auch zwei Damen von Evonik kamen, um die versch\u00f6nerte Aussicht zu feiern.<\/p>\n<p>Heidi freut sich. Endlich ist ihr Wunsch in Erf\u00fcllung gegangen. Am liebsten m\u00f6chte sie aber zus\u00e4tzlich noch die Toreinfahrt illustrieren lassen: \u201eAuf der linken Wand ein Fu\u00dfballspieler und auf der rechten ein Tor.\u201c F\u00fcr die Verwirklichung ihrer Idee hat sie sogar schon \u201eeinen Kontaktmann im Haus der Jugend aufgetan\u201c \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Isabelle Reiff<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war es, was Heidi Reinhold sich seit vielen Jahren w\u00fcnschte. \u201eSchon zu D-Mark-Zeiten h\u00e4tte ich diese triste Hauswand gegen\u00fcber von meinem Wohnzimmerfenster gern versch\u00f6nert\u201c, so die heute 83-J\u00e4hrige. 500 Mark wollte sie seinerzeit daf\u00fcr investieren. 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