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Public Residence

1 Jahr, 7 Künstler, 500 Anwohner und 100.000 Chancen

„Chancen“ heißt die kulturelle Währung, die seit über einem Jahr am Borsigplatz kursiert. Wer hier wohnt, hat Anspruch auf 100 davon, um den eigenen Stadtteil mit zu gestalten. In „Public Residence: Die Chance“, einem künstlerischen Experiment in der Dortmunder Nordstadt, ging es um kulturelle Teilhabe und soziale Kreativität. Das Projekt ging im Mai 2015 zu Ende. Die Chancen bleiben erhalten.

Chancen” sind eine Währung für den öffentlichen Raum. Mit ihnen kann man nichts „kaufen“, aber man kann etwas mit ihnen „machen“ – nämlich Kunst. Auf Betreiben des Vereins Machbarschaft Borsig11 und der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft wurden im Juni 2014 vier Künstlerwohnungen im Quartier als „Public Residence“ bereitgestellt. Insgesamt sieben Künstlerinnen und Künstler verschiedener Sparten haben im Laufe des Jahres am Borsigplatz residiert und Chancen in künstlerische Aktionen umgesetzt, an denen sich über 500 Bewohner des Viertels beteiligt haben.

Mit ihrer Hilfe wurden Straßen umbenannt, Gärten angelegt, ein Geschmacksarchiv eingerichtet, eine Givebox und eine mobile Werkstatt installiert, ein Chancen-Café wurde eröffnet, Wünsche aus Papier gefaltet, Kindergeburtstage gefeiert, es wurde öffentlich gekocht, getanzt und Bier gebraut, Theater gespielt und diskutiert, es gab Stadtführungen zu unbekannten Berühmten und lokalen Mythen, eine freie Republik wurde gegründet, das goldene Zeitalter wurde ausgerufen und vieles mehr.

Die Beteiligung der Bewohner war Voraussetzung und Ziel der Arbeit. Viele haben ihre Chancen genutzt, Kunst ermöglicht und zur Kultivierung lokaler Öffentlichkeiten beigetragen. Wer sich aktiv beteiligt hat, konnte weitere Chancen erhalten und seine Handlungsspielräume erweitern. Viele der künstlerischen Aktivitäten sind fortsetzbar und einige Nachbarn bieten inzwischen selbst Workshops an und beginnen, eigenständig kulturelle Projekte für ihren Stadtteil zu realisieren.

Die Künstler haben Impulse gesetzt, neue Wirkungsfelder und Perspektiven eröffnet und Kreativität im Stadtteil geweckt. Das Ende von „Public Residence“ mit der Finissage am 30. Mai 2015 bedeutete einen Abschied von Künstlern, deren Arbeit Spuren im Quartier hinterlassen hat. Viele der Mitstreiter und Komplizen, die sich im Laufe des Jahres zusammengefunden haben, nutzen jetzt ihre Chancen, um in Eigeninitiative mit der Kreativ-Währung am Borsigplatz weiterzuarbeiten.

 

>> aktuelle Projekte

>> das Buch zu Public Residence: Über die Teilhabe in der Kunst

>> N.I.C.E. Award 2016: Chancen erhalten Preis für soziale Innovation

 

 

Public Residence: Die Chance (2014/15)

Preisträger faktor kunst 2013
ein Projekt von Machbarschaft Borsig11 e.V. in Kooperation mit der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft

1. Juni 2014 – 31. Mai 2015

Machbarschaft Borsig11 lädt die Bewohner rund um den Borsigplatz ein, an der Gestaltung einer neuen Öffentlichkeit mitzuwirken. Vier Künstler leben für ein Jahr in “Public Residence” und entwickeln gemeinsam mit ihren Nachbarn Projekte, die das Quartier verändern.

Jeder Teilnehmer erhält die Option auf 100 „Chancen“ (Kunst-Währung: 1 Chance = 1 Euro). Dieser Wert wird real, wenn er in eines oder mehrere der Projekte investiert wird. Die Bewohner verfügen über die Mittel. Sie bestimmen, was möglich ist, und was wahr wird. Ihre Beteiligung ist Voraussetzung und Ziel der Arbeit.

 


 

Künstlerinnen und Künstler in Public Residence:

 

Frank Bölter (2014/15) ist Bildhauer und Konzeptkünstler. In seiner Arbeit konzentriert er sich auf lokale Umgebungen und die Menschen, die davon berührt werden. Mit Kindern und Erwachsenen zusammen hat er am Borsigplatz lebensgroße Autos, Häuser, Boote oder Flieger aus Papier gefaltet, eine 50 Meter lange Mauer verkleidet und von Bewohnern bemalen lassen oder ein leeres Schild auf dem Borsigplatz aufgestellt. Frank Bölters Aktionen provozieren Eigeninitiative. So finden seit Anfang 2015 auf dem kleinen Borsigplatz regelmäßig Workshops statt. Dabei wird nicht wie sonst Alkohol konsumiert, sondern selber Bier gebraut. “Dortmunder Schwarzbräu” nennt der Künstler das Projekt: “Neben einer performativen Konsumkritik an Massenware und Massenproduktion ist es vor allem die Chance, gemeinschaftlich das an das Suchtmittel Alkohol abgegebene Terrain der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung ein Stück weit zurück zu gewinnen.”

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Susanne Bosch (2014) kam direkt aus Malaysia ins Ruhrgebiet und brachte langjährige Erfahrung aus internationalen Kunstprojekten mit, in denen sie sich mit dem Demokratiebegriff auseinandersetzt. Dabei spielen das Überleben, Geld und Arbeit, Migration, gesellschaftliche Visionen und Beteiligungsmodelle eine entscheidende Rolle. Am Borsigplatz hat die Künstlerin viel Zeit auf der Straße verbracht und am alltäglichen Leben teilgenommen, vom öffentlichen Kochen und Essen bis zur Lesestunde im lokalen Friseursalon. Auf Anregung von Anwohnern hat sie eine „Givebox“ eingerichtet, vielsprachige Bücherboxen im Quartier verteilt und eine mobile Werkstatt angeschafft, die Nachbarn bei Reparaturen hilft und weiterhin bei zahlreichen kreativen Workshops zum Einsatz kommt.

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Rolf Dennemann (2015) freier Regisseur, Autor und Schauspieler, wohnt schon lange in der Nähe des Borsigplatzes. Als er 2015 zu Public Residence stieß, nutzte er die Gelegenheit, seine direkte Nachbarschaft neu zu erkunden. Dabei betätigte er sich in erster Linie als Gesprächspartner und Aufschreiber. Jeden Sonntag traf sich ein wachsender Kreis an Bewohnern und Gästen zur „Sprechstunde“, um Geschichten des Alltags zu sammeln, vom „Kleinen ins Große“ zu rücken und als „Borsig-Blinks“ auf der lokalen Bühne im Chancen-Café neu zu inszenieren. Im Mai 2015 schließlich brachte Rolf Dennemann die „Borsig-Blinks“ zurück auf die Straße, in Form einer künstlerischen Stadtteilführung zu unbekannten Berühmten und Mythen vom Borsigplatz, die das Quartier von einer neuen Seite zeigt. Das Publikum der Sprechstunde wünscht sich eine Fortsetzung der Aktivitäten.

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dorothea_w100Dorothea Eitel (2015) ist Tänzerin und Choreografin. Ihr Anliegen ist es, Kunst von Menschen ausgehend und für Menschen zu machen. Die Künstlerin hat ihren Aufenthalt in Public Residence genutzt, um überraschende Interventionen im Stadtraum durchzuführen. Viele ihre Aktionen setzen im Alltag an, zum Beispiel der Versuch, beim „Einkaufen am Borsigplatz“ nicht mit Geld, sondern mit Kunst zu bezahlen. Mit einem “Guerilla-Café” forderte sie Passanten zum Tanz auf, Straßen und Parks wurden temporär zur Bühne gemacht und in ein neues Licht gerückt. Bei der “Maueraktion” zum Beispiel, haben sich Nachbarn nach einem Akrobatik-Workshop übereinander gestapelt und eine 50 Meter lange Mauer entlang eines Flüchtlingsheims bespielt. Dorothea Eitel ist es gelungen, Irritationen zu stiften, neue Denk- und Wahrnehmungsmuster anzuregen und einen nachhaltigen Eindruck im Quartier zu hinterlassen.

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Angela Ljiljanic (2014) interessiert sich für soziokulturelle Räume, die zwischen der Möglichkeit des Scheiterns und der Hervorbringung überraschender Handlungsorientierungen lavieren. In solchen Zwischenräumen entstehen neue Ideen, und zwar nicht durch sozialromantische Utopien, sondern durch den kreativen Umgang mit der konkreten Wirklichkeit. Nach intensiver Recherche rund um den Borsigplatz hat die Künstlerin im Sommer 2014 mit den Chancen von Anwohnern zahlreiche Hochbeete angelegt, in denen Kräuter und Gemüse angepflanzt wurden. Die Hälfte des Ertrags konnten die Teilnehmer, die sich um die Pflanzen kümmerten, in der heimischen Küche verwerten, die andere Hälfte sollte für ein „Geschmacksarchiv“ verwendet werden, das mit einem gemeinsamen Kochen zusammengestellt wurde. Die Editionen von erlesenen Kräuter-Ölen, Pasten, Soßen und sonstigen Geschmacksessenzen erfuhren bei der feierlichen Eröffnung große Aufmerksamkeit und wurden in Chancen hoch gehandelt. Seit Angela Ljiljanics Abschied zum Jahreswechsel wird das Geschmacksarchiv von den Teilnehmern eigenständig fortgeführt.

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Henrik Mayer (2014) ist mit seinem Partner Martin Keil als REINIGUNGSGESELLSCHAFT in den Städten dieser Welt unterwegs. Wie die Gebrüder Grimm sammeln sie Geschichten von Anwohnern, um sie im öffentlichen Raum wieder zu erzählen und wirksam zu machen. Gesellschaftliche Problematiken werden spielerisch in neue Lösungsansätze überführt. So auch mit der „Stadt der Chancengleichheit“, die es Anwohnern im Quartier Borsigplatz ermöglichte, die Straße, in der sie leben, umzubenennen. Bei einem „Litfaßsäulenfest“ wurden erste Ideen in einem öffentlichen Stadtplan gesammelt. Der neue Name sollte nicht der Vergangenheit, sondern der Gegenwart und Zukunft der Straße gewidmet sein. Nach und nach breiteten sich die rotweißen alternativen Straßenschilder im Quartier aus, und es kommen weiter neue hinzu. Neben Stahlwerkstraße, Borsigplatz und Hoeschpark gibt es inzwischen Straßen wie die Kreative Ruhrallee, die Camino de los Ninos del Mundo, die Straße des Fußballerfolgs oder die Straße der realistischen Wunder. Das lässt darauf schließen, dass am Borsigplatz noch vieles möglich ist.

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olek_w100Olek Witt (2015) ist Performancekünstler. Am Borsigplatz hat er zahlreiche Aktivitäten angestoßen, die sich verselbständigt haben, wie das „Wunschkino“ oder das „Repair-Café“. Als Schauspieler, Regisseur und Theatermacher hat er in Public Residence vorwiegend mit Jugendlichen gearbeitet, mehrere Theaterstücke aufgeführt und Aktionen im öffentlichen Raum unter dem Motto “Du bist Borsig” realisiert. So hat er Anfang des Jahres zusammen mit Schülern der Kielhorn-Förderschule die Aktion “Landnahme” vorbereitet und Anwohner gebeten, ihre persönlichen Fahnen zu entwerfen. 50 Skizzen wurden auf Stoff übertragen und auf dem Borsigplatz feierlich als individuelle Flaggen gehisst, mit denen die Bevölkerung das Niemandsland, die ungenutzte Rasenfläche in der Mitte des Verkehrskreisels symbolisch in Besitz nahm. Wenn die Freiheit der Kunst sozialisiert wird, hat das Auswirkungen auf die Gesellschaft. “Jeder Mensch ist ein Künstler”, ist Witt überzeugt. “In der Freien Republik Borsigplatz darf jeder mitbestimmen.”

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